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Wenn der eigene Tod sichtbar wird

Kurz vor der Jahrtausendwende sagte meine Mutter mal zu mir, dass sie ihr Angst bereite. Weil sie den eigenen Tod näher bringt. Weil sie den eigenen Tod sichtbar macht. Mittlerweile weiß ich, wie sie es meinte. In den 90er-Jahren schien der Tod in “weiter Ferne”. Doch das Millennium machte ihn sichtbar, denn seitdem befinden wir uns in dem Jahrhundert, in dem wir sterben. Die ersten beiden Ziffern der Jahre unseres Todes stehen fest. Zumindest mit hoher Wahrscheinlichkeit, schließlich können wir nicht in die Zukunft blicken. Vielleicht gehöre ich zu den wenigen Menschen, die mindestens 112 Jahre alt werden. Dann würde ich doch noch unerwartet einen zweiten Jahrhundertwechsel erleben. Vielleicht kommt es auch zu einer medizinischen Revolution, die uns allen ein viel längeres Leben ermöglicht, als heute vorstellbar.

Wahrscheinlicher ist jedoch, dass meine Zeit innerhalb dieses Jahrhunderts endet. Statistisch gesehen, ungefähr in den 60er-Jahren. Es ist, als liefen unterschiedliche Zeitstränge zusammen. Ende der 1990er-Jahre blickten wir auf Verwandte zurück, die im Laufe des Jahrhunderts gestorben waren. Zum Ende der 2090er-Jahre werden wir es sein, die “längst gestorben” sind und auf die zurückgeblickt wird. Ein seltsames Gefühl, wenn sich der Nebel langsam lichtet und der eigene Tod sichtbar wird.

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