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Über den Tod sprechen: 40 Fragen (Teil 2, 21-40)

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In einem ganz wundervollen Blog, dessen Autorin auf sehr gefühlvolle, bewegende, offene und trotzdem auf besondere Weise auch ungezwungene Art über ihre ehrenamtliche Tätigkeit in der Sterbe- und Trauerbegleitung und als Fotografin von Sternenkindern schreibt, bin ich auf ihren Beitrag “Über den Tod sprechen” und 40 Fragen gestoßen, die sich mit dem Tod, insbesondere dem eigenen, befassen.

Ihr Ansatz, durch eine bewusste Auseinandersetzung mit dem Tod, einen Teil der Angst ablegen zu können und den “Ernstfall” dabei auf gewisse Weise zu “üben”, gefällt mir und ist letztendlich einer der Gründe, weshalb auch ich über den Tod sprechen und schreiben möchte. Daher gab es für mich keinen Grund zu zögern, als ich ihre 40 Fragen entdeckte.

Hier gelangt ihr zu ihrem Blog: Sterben üben.

Auf Grund des Umfangs meiner Antworten, habe ich mich dazu entschieden, den Beitrag in zwei Teile aufzuteilen. Im folgenden beantworte ich die letzten 20 Fragen. Zum ersten Teil gelangt ihr über diesen Link: Über den Tod sprechen: 40 Fragen (Teil 1).

21.
Wie fühlst du dich, wenn in Büchern oder Filmen jemand stirbt?

Meistens leider völlig neutral. Der “unterhaltende” Tod in Filmen, Büchern oder Computer-Spielen ist Normalität geworden und scheint mir oft sogar notwendig, damit die Story überhaupt funktioniert. Emotional wird es nur in außergewöhnlichen Fällen, besonderen Geschichten mit starken Charakteren (Darstellern): The Green Mile oder Philadelphia sind mir wirklich nah gegangen.

22.
Hast du das Gefühl, noch viel Zeit vor dir zu haben, um dein Leben zu gestalten?

Zeit ist relativ. Ich bin jetzt 31 Jahre alt und habe keine Ahnung, wo die drei Jahrzehnte geblieben sind. Vor allem die letzten 10 Jahre sind rasend schnell verflogen. Wenn die Zeit dieses Tempo beibehält, habe ich nicht mehr viel von ihr, zumal ich ja auch gar nicht weiß, wie lange ich geistig und körperlich fit bleibe, um mein Leben zu gestalten. Genau deswegen ist es mir so wichtig, sie in vollen Zügen zu nutzen.

23.
Gibt es Dinge, die du rückblickend in deinem Leben anders machen würdest?

Im ersten Moment würde ich am liebsten eine ganze Liste nennen. Doch bei genauer Betrachtung muss ich zugeben, dass ich mit meinem Leben weitestgehend zufrieden bin. Jede noch so kleine Änderung in der Vergangenheit, hätte eine völlig andere Zukunft bedeuten können. Ob diese besser gewesen wäre?

24.
Wie oft sagst du den wichtigen Menschen in deinem Leben (Partnerschaft, Familie, Freunde) anlasslos, was sie dir bedeuten?

Direkt und offen leider viel, viel zu selten. Gefühle zu zeigen und zu äußern fällt mir unbeschreiblich schwer. Ich versuche es eher über Gesten im Alltag und hoffe, dass sie so verstanden werden.

25.
Findest du, du könntest das öfter machen? Wenn ja, was hat dich bisher davon abgehalten?

Es wäre definitiv richtig, es häufiger und ohne speziellen Anlass zu tun. Was genau mich daran hindert, kann ich gar nicht mal in Worte fassen. Vielleicht ist es die Angst, mich zu öffnen, meine Gefühle zu offenbaren und der möglichen Reaktion darauf.

26.
Was denkst du über Sterbehilfe?

Ich vertrete die Auffassung, dass jeder Mensch ein selbstbestimmtes Leben führen darf und das Sterben ist nun mal ein Teil des Lebens. Natürlich ist Sterbehilfe und der damit verbundene Wunsch eines Menschen, zu sterben, mit Vorsicht zu betrachten. Eine solch tiefgreifende, endgültige Entscheidung sollte nie aus einer Notlage oder Emotion heraus getroffen werden, sondern mit absolut klarem Verstand – z.B. lange im Voraus über eine Patientenverfügung. Deswegen ist es mir auch so wichtig, über den Tod zu sprechen, obwohl – oder gerade – weil ich noch gesund und jung bin.

27.
Gäbe es Szenarien, bei denen du dir so etwas für dich vorstellen könntest?

Eine schwere, unheilbare Erkrankung mit absehbar schlechtem Verlauf oder eine schwere Verletzung, die keine positive Prognose zulässt. Jetzt, im gesunden Zustand, ist es aber schwer, weil ich gar weiß, ab wann für mich tatsächlich der Punkt erreicht wäre, an dem ich Sterbehilfe in Anspruch nehmen wollen würde. Ab wann ist meine Lebensqualität zu sehr eingeschränkt? Ab wann bin ich ein “Pflegefall” oder wann sind die Schmerzen zu groß?

28.
Wenn sich ein dir nahestehender Mensch für Sterbehilfe entscheiden würde, könntest du das verstehen? Und verzeihen?

Jeder von uns muss und kann nur sein eigenes Leben leben und über dieses bestimmen. Ich habe nicht das Recht, einen Menschen zu verurteilen, für den es keine Option mehr darstellt, das Leben fortzusetzen und der sich daher für Sterbehilfe entscheidet. Selbst wenn ich es nicht verstehen könnte, so hätte ich es dennoch zu akzeptieren. Verzeihen müsste ich nichts, denn ganz gleich, wie schwer der Verlust für mich wäre, ich hätte kein Recht böse auf jemanden zu sein, der eine solche, schwere Entscheidung getroffen hat.

29.
Gab es schon einmal eine Situation in deinem Leben, in der du dachtest “jetzt sterbe ich”? Hat dich das verändert?

Es gab mal einen “beinahe Autounfall”, bei dem mir klar war, dass ich ihn niemals überlebt hätte. Nur Sekundenbruchteile lagen zwischen Leben und Tod. Dieses Erlebnis hat mich dahingehend verändert, dass ich schonungslos erfahren habe, dass mein Leben wirklich jederzeit enden kann, ohne dass ich darauf direkten Einfluss habe. Das beeinflusst natürlich all meine Entscheidungen und mein Verhalten meinen Mitmenschen gegenüber, weil eben jeder Moment, jeder Satz, jeder Gedanke der letzte gewesen sein könnte. Zudem hat es die Notwendigkeit bestärkt, offen über den Tod zu sprechen.

30.
Was für eine Art Sterben wünschst du dir?

Ich möchte auf jeden Fall bewusst sterben. Wenn ich mich schon mein ganzes Leben lang frage, wie das Ende wohl wird, möchte ich es natürlich auch herausfinden und diese allerletzte Erfahrung machen. Außerdem kann ich nur nach einem bewussten Sterben wissen, dass ich überhaupt tot bin. Theroetisch. Ich weiß, es klingt verrückt, weil ich tot ja gar nichts wissen kann. Aber irgendwie macht mir der Gedanke Angst, einfach tot umzufallen, ohne mich (vom Leben) verabschiedet oder darauf vorbereitet zu haben.

Auf keinen Fall möchte ich an einem kalten, sterilen Ort sterben. Also nicht im Krankenhaus oder einem Pflegeheim. Am liebsten zuhause, oder einem ähnlichen vertrauten Ort. Umgeben von Menschen, die mir wichtig sind. Ohne Schmerzen, aber mit möglichst klarem Verstand. Und ich möchte nicht, dass mein Sterben aufgehalten wird und mein Leben nur noch an Maschinen hängt.

31.
Was denkst du über Hospize?

Ich glaube, Hospize sind eine wundervolle Einrichtung und Möglichkeit, den Menschen eine etwas schönere Seite des Todes zu zeigen. Das Sterben findet in einer wärmeren, herzlicheren Umgebung statt und wird von erfahrenen Menschen begleitet, die sowohl den Sterbenden, als auch den Trauernden helfend zur Seite stehen. Dies kann dem Sterben und dem Tod ein wenig des Schreckens nehmen, die Angst lindern und den Umgang erleichtern.

32.
Könntest du dir vorstellen, Menschen in einem Hospiz ehrenamtlich zu begleiten? Wenn ja: Was interessiert dich hier besonders? Wenn nein: Was schreckt dich ab?

Grundsätzlich ja, weil das ehrenamtliche Prinzip nur über einen solidarischen Grundgedanken funktionieren kann. Wenn ich selbst in einem Hospiz sterben möchte, kann ich jetzt durch meine Hilfe dazu beitragen, dass es solche Einrichtungen auch in Zukunft gibt.

Die Art und Weise, wie die Menschen dort mit dem bevorstehenden Tod umgehen, wie sie ihn sich vorstellen und welche Ängste sie begleiten – all dies herauszufinden würde mich sehr interessieren, auch mit Blick auf meine eigene Sterblichkeit. Ich würde mit ihnen aber nicht nur über den Tod sprechen wollen, sondern gerne auch erfahren, wie sie denn das Leben bewerten.

Unsicher bin ich bezüglich meiner Fähigkeit, die Menschen “richtig” zu behandeln. Wie gehe ich mit Sterbenden oder Trauernden um? Wann und was kann ich sagen / machen, ohne andere zu verletzten?

33.
Welcher Promi-Todesfall hat dich besonders betroffen?

Die Todesfälle junger Promis, in ungefähr meinem Alter. Die “Mitglieder” des “Club 27”, die mir vor Augen führen, dass das Alter keine Rolle spielt. Und Suizide diverser Promis, weil es erschreckend ist, welche (nicht erkannten) Probleme diese Menschen mit sich herumschleppten und welch enormem Druck sie trotzdem unentwegt ausgesetzt waren. Robin Williams, Chester Bennington, Jill Janus, Dolores O’Riordan, Amy Whinehouse – um ein paar wenige Namen zu nennen.

34.
Gab es in Filmen mal Szenen, wo du dachtest: Das ist ein schöner Tod?

Nicht, dass ich mich jetzt bewusst daran erinnere. Oft finde ich ihn zu heroisierend, zu dramatisch, zu brutal oder zu “kitschig”.

35.
Wenn du nach dem Tod ein Geist wärst: Wen würdest du heimsuchen? Jemanden den du magst, um ihm noch einmal nahe zu sein oder eher jemandem, an dem du dich rächen möchtest?

Rachegelüste trage ich keine mit mir herum. Die wären für mich vergeudete Zeit – selbst wenn ich nach dem Tod endlos viel davon hätte. Vielleicht würde ich die Menschen besuchen, die mir etwas bedeuten und versuchen, sie unbemerkt zu “beschützen” und ihnen nahe zu sein. Vielleicht lasse ich sie aber auch allein, weil es schließlich ihr Leben ist und mir eine Einflussnahme gar nicht zusteht. Außerdem würde es mir womöglich sehr schwer fallen, sie Tag für Tag zu begleiten, aber trotzdem nicht mehr Teil ihres Lebens zu sein. Wenn sie nach ihrem Tod ebenfalls Geister werden, kann ich schließlich auch einfach auf sie warten.

36.
Was soll auf deinem Grabstein stehen?

Wenn sich meine Hinterbliebenen gegen ein anonymes Grab entscheiden, reichen mein Name, Geburtstag und Sterbedatum eigentlich aus. Ich bin kein Freund von Weisheiten, Bibel-Zitaten oder Ratschlägen. Wenn, dann ist es mir viel wichtiger, nicht dem nachzutrauern, was ich nicht mehr habe, sondern Dankbar für das zu sein, was ich hatte. Daher soll unter meinen Daten ein großes: “Danke, dass ich leben durfte” stehen.

37.
Wärst du gerne unsterblich?

Nein. Auf gar keinen Fall. Der unermessliche Wert des Lebens kommt für mich nur durch die kurze Zeitspanne zustande, die es andauert. Es mag auf den ersten Blick verlockend klingen, nicht sterben zu müssen, aber ich glaube, dass die Nachteile deutlich überwiegen. Ich würde alle Menschen verlieren, die mir etwas bedeuten. Immer und immer wieder. Ich hätte für alles im wahrsten Sinne des Wortes ewig Zeit. Es gäbe keinen Grund mehr, die Dinge zu tun, wenn sich die Gelegenheit bietet, weil ich ja unendlich viele Gelegenheiten bekommen könnte. Das Leben wäre wertlos und irgendwann von Einsamkeit und Langeweile geprägt. Nein, dann sterbe ich lieber und lebe dafür ein kurzes, aber intensives Leben.

38.
Welche drei Gegenstände würdest du gerne mit ins Grab nehmen wollen?

Gegenstände, mit denen ich ewig verbunden sein möchte, die aber genauso vergänglich und biologisch abbaubar sind, wie mein Körper. Als erstes fiele mir da die Urne meines Hundes ein. Dazu ein Jutebeutel voll Kaffee, damit ich auch im Grab nicht auf ihn verzichten muss. An dritter Stelle vielleicht ein gutes Buch, mit möglichst vielen Seiten. Ich zögere schließlich immer wieder, dicke Bücher anzufangen, weil ich angeblich keine Zeit habe, sie zu lesen. Diese Ausrede lasse ich mir im Grab nicht mehr durchgehen!

39.
Wobei fühlst du dich besonders lebendig?

Bei vielen Dingen, die besonders viel Spaß machen. Vor allem aber, bei Aktivitäten in der Natur. Meinen Herzschlag zu spüren und die Wärme, die mein Körper produziert. Bewusste tiefe Atemzüge voll frischer Luft. All die vielen Geräusche wahrzunehmen: Das Rascheln der Blätter, das Knistern der Zweige, das Rauschen eines Baches, das Zwitschern der Vögel. Mehr Leben geht doch fast gar nicht, oder?

40.
Und was macht dich glücklich?

Puh, hier könnte ich fast auf meine Antwort auf Frage 39 verweisen. Aber zwischen lebendig und glücklich gibt es natürlich doch kleinere Unterschiede. Glücklich machen mich die Momente, in denen sich alles “perfekt” anfühlt. In denen das Leben so zu laufen scheint, wie ich es mir erträumt habe. Momente, in denen ich realisiere, welch unmögliches Glück ich hatte, überhaupt zu existieren und all dies hier zu erleben.

Eine Reise durch Skandinavien, das Erleben der beeindruckenden Natur, die reine Waldluft einzuatmen und mich zu fragen, ob es wohl irgendwo in den unendlichen Weiten des Universums einen vergleichbaren Ort gibt, oder ob ich tatsächlich ein so unglaublich großes Privileg genieße, den einzigen Ort dieser Art besuchen zu dürfen.

Glücklich macht es mich auch, Menschen, die ich liebe, glücklich zu sehen. Als sei ihr Glück ansteckend, lässt es mich eigene Sorgen und Zweifel vergessen.

Fazit

Obwohl ich mich bereits vorher regelmäßig mit dem Tod beschäftigt habe, konnten mich die 40 Fragen sehr zum nachdenken anregen. Auf jeden Fall ist es eine wunderbare Idee und ich kann dir wirklich nur empfehlen, ebenfalls über den Tod zu sprechen und dich den Fragen zu stellen.

Es ist lehrreich, hilfreich und hebt den unermesslichen Wert unseres Lebens in den Vordergrund.

Über den Tod sprechen: 40 Fragen

 

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

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