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Über den Tod sprechen: 40 Fragen (Teil 1, 1-20)

In einem ganz wundervollen Blog, dessen Autorin auf sehr gefühlvolle, bewegende, offene und trotzdem auch ungezwungene Art über ihre ehrenamtliche Tätigkeit in der Sterbe- und Trauerbegleitung und als Fotografin von Sternenkindern schreibt, bin ich auf ihren Beitrag “Über den Tod sprechen” und 40 Fragen gestoßen, die sich mit dem Tod, insbesondere dem eigenen, befassen.

Ihr Ansatz, durch eine bewusste Auseinandersetzung mit dem Tod, einen Teil der Angst ablegen zu können und den “Ernstfall” dabei auf gewisse Weise zu “üben”, gefällt mir und ist letztendlich einer der Gründe, weshalb auch ich über den Tod sprechen und schreiben möchte. Daher gab es für mich keinen Grund zu zögern, als ich ihre 40 Fragen entdeckte.

Hier gelangt ihr zu ihrem Blog: Sterben üben.

Auf Grund des Umfangs meiner Antworten, habe ich mich dazu entschieden, den Beitrag in zwei Teile aufzuteilen. Im folgenden beantworte ich daher die ersten 20 Fragen (2 Fragen habe ich ausgelassen, da ich keine eigenen Kinder habe und diese deswegen nicht beantworten kann).

1.
Hast du Angst vorm Tod?

Definitiv. Ich meine, ich habe ja schon Angst vor dem ersten Tag im neuen Job oder einem Date – und solche Dinge betreffen nur einen kleinen Teil meines Lebens. Mein Tod hingegen wird da deutlich gravierender, denn er betrifft nicht nur mein ganzes Leben, er beendet es. Ich bin zwar sehr neugierig und möchte unbedingt wissen, wie der Tod ist – aber dieser definitive Schritt ins Unbekannte, aus dem es kein Zurück gibt, macht mir natürlich trotzdem auch Angst. Zumal ich davon ausgehen muss, dass meine Existenz mit meinem Tod endet. Ein seltsames Gefühl, wo ich doch eigentlich gerne lebe, empfinde und einfach “bin”.


2.
Hattest du Todesfälle in deinem Umfeld und wenn ja, welche haben dich besonders betroffen?

Nach über 30 Lebensjahren kam ich natürlich zwangsläufig mit einigen Todesfällen in Kontakt. Wirklich betroffen haben mich aber gar nicht mal die Todesfälle selbst, sondern oft eher das “Drumherum”. Mein Opa stand mir beispielsweise recht nahe und ich empfand es als viel schlimmer, mit anzusehen, wie seine Krankheit innerhalb weniger Jahre einen rüstigen, aktiven Rentner in einen alten, zerbrechlichen und schließlich leidenden Mann verwandelte. Betroffen machte und macht mich zudem meine Oma, die sehr darunter zu leiden hatte und es auch heute, gut 10 Jahre später, noch tut.

Vielleicht hatte ich bisher aber auch nur das Glück, dass es in meinem engsten Umfeld noch keine Todesfälle gab und sich die anderen über einen längeren Zeitraum “ankündigten”.


3.
Haben deine Eltern mit dir als Kind über den Tod gesprochen?

Nicht wirklich, jedenfalls nicht, soweit ich mich erinnern kann. Ich selbst wollte durchaus über den Tod sprechen, aber das Thema wurde immer schnell beiseite geschoben.


4.
Hattest du als Kind Haustiere, die du beerdigt hast? Wenn ja, wie?

Nein, unsere Haustiere waren zu groß, als dass wir sie hätten beerdigen können. Als mein erster eigener Hund starb, war ich schon fast 30 und hatte mich für eine Feuerbestattung entschieden.


5.
Haben deine Eltern Angst vorm Tod?

Ja, auf jeden Fall. Wenn ich über den Tod sprechen möchte, wird der Fokus sofort auf andere Themen gelenkt. Ich kann sie nicht zwingen, über den Tod zu sprechen, aber ich glaube, dass diese Verweigerung ihre Angst nur verstärkt.

6.
Was macht die Antwort aus Frage 5 mit dir?

Sie spornt mich dazu an, mich erst recht intensiver mit der Thematik auseinanderzusetzen. Wie so oft, wenn die Eltern etwas “verbieten” und die Kinder es dann trotzdem – oder genau deswegen – tun. Außerdem wollte und will ich den Gründen der Angst auf den Grund gehen und wissen, wieso etwas, das doch jeden einzelnen Menschen, jedes Lebewesen auf diesem Planeten betrifft, ein Tabu sein kann. Ich will mit anderen Menschen über den Tod sprechen, mich mit ihnen austauschen und ihre Gedanken und Gefühle erfahren.


9.
Wovor fürchtest du dich mehr: Dem Sterben oder dem Tod selbst?

Schwer zu sagen. Ich glaube, es hält sich die Waage. Auf der einen Seite ist die Angst vor dem Schritt ins Unbekannte, vor der Nicht-Existenz und der Unvermeidbarkeit. Auf der anderen Seite ist die Angst vor einem qualvollen Sterben, davor, ohne Einflussmöglichkeit unnötig lange am Leben gehalten zu werden und dabei womöglich noch das Leiden meiner Liebsten erleben zu müssen.

Allerdings habe ich umgekehrt auch Angst vor einem “schnellen” Tod. Viele Menschen wünschen sich ja quasi, einfach abends einzuschlafen und nicht mehr aufzuwachen. Für mich ist das eine Horrorvorstellung, denn wenn ich schon sterben muss, dann will ich das mitbekommen, damit ich anschließend (auch wenn das völlig verrückt klingt) “weiß”, dass ich “tot bin”. Außerdem möchte ich mir diese allerletzte Erfahrung meines Lebens nicht nehmen lassen.

10.
Was gehört für dich zu einem guten Leben?

Für mich ist das wichtigste, mein Leben als das zu betrachten, was es ist. Nämlich etwas absolut außergewöhnliches. Ich meine, wie groß war die Wahrscheinlichkeit, dass ich überhaupt jemals geboren werde? Unvorstellbar gering – und dennoch bin ich hier, als ein Teil des Wunderwerks namens Leben und darf für einen kurzen Zeitraum daran teilnehmen. Diese Chance muss und will ich nutzen, ganz einfach, um zu leben. Meine Träume zu verwirklichen und meine Zeit auszukosten. Auf meine Art und nicht, um Vorgaben oder Normen zu erfüllen.

11.
Welche drei Dinge möchtest du erreicht oder erlebt haben, bevor du stirbst?

Ich möchte mich beruflich verändern und etwas mit Tieren machen, was mir dann (hoffentlich) bis ins höhere Alter möglich ist und Spaß bereitet. Außerdem will ich perfektes Reiten lernen. Angeblich reiche ein Menschenleben dazu nicht aus, aber dann will ich es eben so gut können, wie nur irgendwie möglich. Der dritte Punkt wird die Klischee-Erfüllung: Denn allein wird das Leben auf Dauer (wahrscheinlich) doch etwas öde, weshalb das Erleben der wahren großen Liebe für mich zu den drei Punkten gehört.

12.
Wen wünschst du dir in den letzten Minuten deines Lebens bei dir?

Den oder die Menschen, die mir zu diesem Zeitpunkt am meisten bedeuten. Das letzte, was ich jemals sehe, sollen die Gesichter derer sein, die ich liebe.


13.
Stellst du dir den Tod eher männlich oder eher weiblich vor?

“Der” Tod wird ja oft in männlicher Form dargestellt, man denke nur mal an den “Sensenmann”. Vermutlich liegt es daran, dass allgemein ein recht negatives Bild vom Tod verbreitet ist, mit Eigenschaften, die eher weniger mit Weiblichkeit verbunden werden.

Für mich ist der Tod neutral. Ich habe “ihn” noch nie so betrachtet, als könne er männlich oder weiblich sein, weil er gar nicht greifbar ist, kein existentes Wesen mit entsprechenden Eigenschaften, sondern letztendlich nur ein neutraler Status, der uns alle angleicht.

14.
Glaubst du an eine Art Leben nach dem Sterben?

Ich mag diese Frage, schon allein, weil sie so schön und korrekt gestellt ist (sich also nicht auf die Zeit “nach dem Tod” bezieht, die es ja eigentlich gar nicht geben kann, wenn der Tod ein “Ende” darstellt). Der Glaube an höhere Mächte oder an das Unvorstellbare fällt mir unheimlich schwer. Allerdings stößt mein Verstand auch bei der Betrachtung des Universums und den wissenschaftlichen Theorien zur Entstehung an seine Grenzen – denn wie soll etwas entweder aus dem Nichts entstehen oder ohne einen Anfang einfach schon immer existieren? Verrückt, dass wohl eine der beiden Varianten tatsächlich zutrifft. Daher kann ich auch nicht pauschal ausschließen, dass auf meinen Tod, oder besser gesagt, auf mein Sterben, irgendeine Art Leben folgt, an dem mein “Geist” teilhaben wird.

Also ich glaube nicht daran, aber ich schließe es nicht aus und lasse mich gerne überraschen. Unabhängig davon, folgt auf mein Sterben aber durchaus eine Art Leben, weil die vielen Milliarden Moleküle, aus denen mein Körper besteht, von der Natur wiederverwertet werden und im Anschluss neuem Leben als Bausteine zur Verfügung stehen.


15.
Findest du Friedhöfe gruselig?

Ehrlich gesagt, weiß ich es gar nicht, weil ich jedes Mal gemischte Gefühle in mir trage, wenn ich einen Friedhof sehe. Darüber hatte ich erst kürzlich einen Beitrag geschrieben ( Ein Spaziergang mit dem Tod ). Einerseits sind es häufig schöne Orte, an denen ich mir grundsätzlich vorstellen kann, einen endlos langen Zeitraum zu verbringen.

Dennoch ist er auch gruselig, weil er mich daran erinnert, dass dieser Tod nicht fiktiv oder optional ist, sondern ein wahrer Bestandteil des Lebens, der auch mir unweigerlich bevorsteht. Und weil ich die Gedanken daran, was in diesem Moment mit den dort begrabenen Körpern geschieht, nicht vermeiden kann. Schließlich erwartet mich und meinen, heute doch so lebendigen, Körper genau das selbe Schicksal.


16.
Wie möchtest du mal bestattet werden?

Ich wünsche mir für mich eine ganz einfache Erdbestattung. Zwar ist der Gedanke daran wirklich gruselig, aber es ist der natürlichste Weg zurück in den Kreislauf des Lebens. Außerdem entspricht dies eher meiner ruhigen Art, Stress und Eile zu vermeiden. Wieso sollte ich mir da nicht auch für meinen Zerfall etwas mehr Zeit lassen? Immerhin habe ich dann (vielleicht) 80 Jahre gelebt, da wäre mir die Abkürzung über eine Kremierung wirklich zu schnell – und womöglich auch eine unnötige Umweltbelastung.

Die Entscheidung, ob anonym oder nicht, überlasse ich meinen Angehörigen. Mir ist nur wichtig, begraben zu werden. Ob nun ein Grabstein meinen Platz kennzeichnet oder ob ich unter einer neutralen Wiese verschwinde, hat auf mich ja keinen Einfluss. Hier sind die gefragt, die um mich trauern. Sie sollen es sich so gestalten, dass sie möglichst gut damit zurecht kommen.

17.
Welche Musik möchtest du auf deiner Beerdigung gespielt haben?

Mir wäre ein emotionales, instrumentales Stück am liebsten. “In Memoriam” von Hammerfall könnte ich mir gut vorstellen. Ansonsten einfach dezent lebensbejahende Musik, die meinen Hinterbliebenen eventuell einen winzigen Lichtblick beschert. Die Musik soll nicht alles nur noch schlimmer machen, sondern ganz klar meinen Standpunkt vertreten: Ein Verlust ist schwer, aber das (euer) Leben geht weiter. Der Tod ist ein ganz normaler, natürlicher Teil des Lebens.

18.
Auf wie vielen Beerdigungen warst du schon?

Es müssten bisher 5 Beerdigungen gewesen sein.

19.
Machen dir Beerdigungen Angst oder ein seltsames Gefühl, und wenn ja, wieso?

Es ist wie mit dem Besuch eines Friedhofs. Die eigene Sterblichkeit wird mir vor Augen geführt, denn eines Tages werde ich es sein, der auf ähnliche Weise beerdigt wird. Angst löst das nicht unbedingt aus, aber durchaus ein mulmiges Gefühl und Gänsehaut, wenn ich versuche, mich in die Lage des Verstorbenen hineinzuversetzen.

20.
Hast du schon Vorkehrungen getroffen für den “Fall der Fälle”? Also eine Vorsorgevollmacht abgeschlossen, eine Patientenverfügung vorbereitet, Bestattungsanweisungen festgehalten?

Ich trage einen Organspendeausweis bei mir und habe eine Patientenverfügung vorbereitet. Die anderen Punkte muss ich unbedingt zeitnah in Angriff nehmen, denn ich möchte auf jeden Fall vermeiden, dass meine Angehörigen mit solchen Dingen zusätzlich belastet werden, wenn ich sie zu Lebzeiten selbst erledigen kann. Mein Alltag als Autofahrer und Reiter birgt so viele Gefahren, die potentiell tödlich sein können, dass ich mich eben nicht auf die statistischen 47 Jahre verlassen kann, die ich angeblich noch lebe…

Über den Tod sprechen: 40 Fragen

 

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

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