Zum Inhalt springen

Ein Spaziergang am Friedhof – Gedanken zum Tod

[Gesamt:0    Durchschnitt: 0/5]

Jedes Mal, wenn mich mit meinem Hund unterwegs bin und mich der Spaziergang am Friedhof entlang führt, lasse ich meinen Blick über den Zaun, durch die Bäume und Sträucher hindurch, auf die zahlreichen und überwiegend liebevoll gepflegten Gräber schweifen.

Mit diesem sicheren Abstand betrachtet, scheint es ein schöner Ort zu sein. Friedlich, natürlich, malerisch, gerade dann, wenn die durchs Blätterdach gedämpften Sonnenstrahlen sanft auf die Ruhestätten fallen und Steine und Namen von warmem Licht umhüllt werden.

Doch so ein Spaziergang am Friedhof wirft auch Fragen auf: Handelt es sich bei diesem friedlichen Eindruck nur um eine Täuschung? Aus der Distanz kann ich einige Namen, Geburts- und Sterbetage erkennen. Manche dieser Plätze wurden von Menschen in meinem Alter belegt. Eine 28-jährige Frau liegt hier neben einem 87-jährigen Mann. Immer, wenn ich ihren Namen lese, frage ich mich, wer sie wohl war. Wie sie lebte, welche Träume sie hatte und auch, wieso ihr junges Leben, fast 60 Jahre vor dem ihres Nachbarn, endete.

Auch mein Weg endet eines Tages hier

Fragen und Gedanken, die mir verdeutlichen, wie flüchtig der Moment ist. Dass auch mein Weg jederzeit auf diesem Friedhof enden könnte – dass mein Weg definitiv irgendwann an einem Ort wie diesem enden wird.

Furcht und Geborgenheit liegen dicht beieinander

Die Schönheit des Platzes, an dem sich die junge Frau nun befindet, zwingt mir ein zurückhaltendes Lächeln ins Gesicht. Es ringt mit der Angst vor dem Wissen, dass auch ich eines Tages Teil dieses Ortes sein werde. Mit der Angst vor den Konsequenzen, die es für mich haben wird, vor dem, was sich unter der schönen Oberfläche abspielt.

Es ist ein Wechselbad der Gefühle. Einerseits mag ich den Gedanken, unter diffus-warmem Sonnenlicht, umgeben von Nussbäumen, Beerensträuchern und Vogelzwitschern, friedlich und langsam in den Kreislauf der Natur zurückzukehren. Andererseits ist genau dieser Gedanke furchteinflößend. Die Unumkehrbarkeit, der Zerfall, das Nicht-mehr-sein.

Was nutzt mir dieser schöne Ort, wenn ich gar nicht mehr bin? Was nutzt dieser schöne Ort der jungen Frau? Vielleicht sehe ich es aber auch falsch, vielleicht dient dieser schöne Ort vor allem der Trauerbewältigung, denen, die weiterleben, wenn wir nicht mehr sind. Vielleicht hilft dieser Ort, ihrer Familie, den Verlust zu verarbeiten. Ihr Grab ist immer gepflegt und mit frischen Blumen geschmückt. Das bringt mir dann doch wieder ein zaghaftes Lächeln ins Gesicht. Es ist angenehm, zu wissen, dass ein schöner Ort zur Trauer denen helfen kann, die eins Tages meinen Verlust verkraften müssen.

Bild von Alexas_Fotos auf Pixabay

Sei der Erste der einen Kommentar abgibt

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.