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Der eigene Tod – Ein persönlicher Brief

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Lieber Tod!

Entschuldige bitte, dass ich so oft viel zu gemein zu dir bin, dir sadistische Absichten unterstelle, dich hasse und verfluche, nach dem dir Menschen begegneten, dir mir wichtig waren. Bitte entschuldige auch meine Angst, die immer wieder aufblitzt, wenn ich an dich denke und ich mich frage, wie du wohl bist, wie du aussiehst und wie sich unsere Begegnung wohl anfühlen wird.

Auch für meine Wut und Frustration darüber, dass du nicht gesprächsbereit bist und du ohne meine Einverständnis eine so tiefgreifende Entscheidung für mich triffst und mir alles nehmen wirst, was mich ausmacht – mich, mein Leben – möchte ich mich entschuldigen.

Schluss mit den Vorurteilen!

Bei genauerer Betrachtung muss ich nämlich feststellen, dass all meine Behauptungen, Unterstellungen und Vorwürfe gar nicht angemessen sind. Dass du nicht annähernd so rücksichtslos, bösartig und ungerecht bist, wie es mir einige Male erschien. Ich urteilte vorschnell, voreingenommen und ohne meinen Blick auf das große Ganze zu richten.

Nichts ist zuverlässiger, als der Tod

Auf dich ist Verlass und das zu 100%. Du versprichst mir nicht, wie einst mein Vater, Woche für Woche mich abzuholen, nur um mich dann ein ums andere Mal zu versetzen und schließlich ganz aus meinem Leben zu verschwinden. Zwar lässt du dir keinen genauen Termin entlocken, aber darauf, dass du eines Tages an meiner Tür klopfst, kann ich mich dennoch zu 100% verlassen.

Genauso, wie ich mich uneingeschränkt darauf verlassen kann, dass du alle Menschen gleich behandelst. Das, wofür wir Menschen Grundrechte und unzählige Gesetzte benötigen, ist für dich eine völlige Selbstverständlichkeit. Hautfarbe, Geschlecht oder Religion spielen für dich keine Rolle. Du nimmst ausnahmslos jeden mit, reiche Hollywood-Stars genauso, wie mich Normalsterblichen.

Du bist gerecht, fair und unbestechlich. Vorurteilsfrei. Ein Vorbild? In jedem Fall aber gibt mir das Wissen um deine Zuverlässigkeit und Gerechtigkeit ein gewisses Gefühl von Sicherheit. Natürlich trenne ich mich nur ungerne von meinem Leben, aber es schafft einfach Klarheit und beruhigt, zu wissen, dass du nicht nur mich besuchen wirst, sondern ausnahmslos jeden Menschen.

Dank dir sind alle Menschen gleich

Vielleicht mag es egoistisch klingen, die Sterblichkeit anderer als beruhigend zu empfinden, so als würde ich niemandem ein unendliches Leben gönnen und vielleicht ist da sogar etwas dran. Wie sähe unsere Welt wohl aus, gäbe es einen auserwählten Kreis Unsterblicher, während ein anderer Teil von uns nicht in den Genuss dieses Vorzugs käme? So sind wir Menschen, zumindest in diesem Punkt, doch wieder alle gleich. Und das verdanken wir dir, lieber Tod!

Ich hatte mal behauptet, du würdest mir alles, was mich ausmacht, nämlich mein Leben, nehmen. Doch kann ich das, was du eines Tages machen wirst, wirklich als nehmen meines Lebens bezeichnen? Es klingt in diesem Zusammenhang so, als würdest du etwas stehlen, das mir gehört. Aber gehört mein Leben wirklich mir? Ist es mein Eigentum? Oder ist das Leben nicht etwas viel größeres, an dem ich auf Grund vieler Zufälle und einer großen Portion Glück für einen begrenzten Zeitraum teilnehmen darf?

Unser Leben ist ein Geschenk

Ich vergleiche es gerne mit einer Reise, dir mir geschenkt wurde und an der ich teilnehmen darf, ohne selbst etwas dafür getan zu haben. Für die Dauer der Reise kann ich alle Möglichkeiten, die sie mir bietet, nutzen und sie in vollen Zügen genießen. An ihrem Ende setze ich mich ins Flugzeug und kehre nach Hause zurück, während sich irgendwo ein anderer Mensch über ein Geschenk freut und die gleiche Reise antritt. Ganz ohne einen Anspruch auf eine unbegrenzte Verlängerung der Reise für mich zu reklamieren.

Über das Geschenk freuen, anstatt Ansprüche zu stellen

Woher nehme ich dann den Anspruch, unbegrenzt lange Leben zu wollen? Dass ich überhaupt lebe ist nicht mal ansatzweise mein Verdienst. Es ist ein Geschenk, das nur durch eine bestimmte Aneinanderreihung von zig Milliarden oder sogar unendlich vielen Zufällen und Faktoren zustande kam. Wäre nur eine winzige Kleinigkeit anders verlaufen, würde es mich gar nicht geben. Unter diesen Umständen ist es doch viel angemessener, mich darüber zu freuen, überhaupt Teil dieses Wunders zu sein und leben zu dürfen.

Anstatt dir nun vorzuwerfen, dass du mir all dies irgendwann nimmst, sollte ich dankbar dafür sein, diese Reise überhaupt unternehmen zu dürfen und dir an ihrem Ende nicht bloß mit einem weinenden Auge, sondern vor allem auch mit einem Lächeln und den Erinnerungen an diese wunderbare Zeit gegenüberstehen. So, wie ich mich mit einem weinenden Auge und einem lachenden Auge, einem Lächeln und schönen Erinnerungen in das Flugzeug setze und nach Hause reise.

Dankbarkeit für diese wunderbare Chance

Abschließend, lieber Tod, danke ich dir sogar für mein Leben. Denn ich habe eingesehen, dass es das Leben und somit auch mich, nur gibt, weil du unermüdlich die Voraussetzungen dafür sicherstellst. Ohne dich und deinen stetigen Einsatz, wäre das Leben vermutlich schon in der Frühphase der Entstehung gescheitert. Der Platz und die Ressourcen auf unserem Planeten sind begrenzt. Würde kein Lebewesen sterben, wäre die Erde rasend schnell maßlos überbevölkert und das Leben zum scheitern verurteilt. Ganz abgesehen davon, dass kaum Weiterentwicklung möglich gewesen wäre und wahrscheinlich erst gar keine höher entwickelten Lebewesen entstanden wären, an deren Spitze heute wir Menschen stehen.

Ohne den Tod wäre Leben nicht möglich

Mit dem Blick auf das große Ganze muss ich also erkennen, dass ich heute nur lebe, weil du die Grundvoraussetzungen dafür geschaffen hast. Und du hast absolut recht. Ich kann nicht von deiner ewig während Arbeit profitieren wollen und mich gleichzeitig von ihr entziehen. Ich will leben, mein Leben genießen und nutzen – und letztendlich bin ich auch dazu bereit, dich zu akzeptieren und zu sterben. Als Zeichen meiner Dankbarkeit und des Respekts. Um den Kreislauf fortzusetzen, meinen Platz zu räumen und einem neuen Menschen ebenfalls diese einzigartige Chance zu ermöglichen, Teil dieses phänomenalen Wunderwerks zu sein.

 

Image by The_dinga on Pixabay

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